Monthly Archives: Dezember 2010

Alt ist neu: Gedanken zur Strassenfotografie

Die Neuerfindung der Strassenfotografie im Zeitalter der Digitalkamera und Web 2 bis 3

Dimensionen eines Begriffes

Die Strassenphotographie oder Strassenfotografie oder Straßenfotografie oder Streetfotografie oder Streetphotography – wie sie auch immer heissen mag – , ist die bekannteste Form der Schnappschussfotografie. Sie ist eine Untermenge der Dokumentarfotografie.

Geschichte

Nicht umsonst heisst ein Buch auch „Der Schnappschuss und sein Meister“ und beschreibt Leben und Werk von Henri Cartier-Bresson.

Cartier-Bresson wurde berühmt, weil er u.a. folgende Merkmale hatte:

  • er war oft an den Brennpunkten des Weltgeschehens,
  • er fotografierte immer das, was andere nicht fotografierten,
  • er benutzte das Kleinbildformat und legte sich dabei auf die Leica fest und
  • er gestaltete seine Fotos nach der Geometrie der Malerei.

Was nun die Leica angeht, so wird er immer mit der Leica M in Verbindung gebracht. Dies stimmt nur bedingt. Es beruht darauf, dass er das Kleinbildformat als Bildgrösse am liebsten hatte, weil es auch seiner Art zu sehen entsprach. Denn Cartier-Bresson hatte u.a. Malerei studiert.

Aber als es die Minilux gab, die auch das Kleinbildformat nutzte, benutzte er die Minilux. Seitdem streitet die Gemeinde, ob er die Minilux gebraucht hat, weil er schon älter war oder weil sie bequemer und schneller war. Dabei geht es natürlich auch um die Frage der Messsuchertechnik. Gegen das Argument des Alters und der Messsuchertechnik spricht, dass er in dem Buch „Faceless“, welches ihn selbst auf Fotos zeigt, die Minilux zum Fotografieren nutzte. Die Minilux hatte keinen Messsucher.

Cartier-Bresson spielt bei der Frage der Strassenfotografie also eine Rolle. Da ich Cartier-Bresson sehr mag, habe ich mich mit seinem Werk sehr befasst. Mir haben dabei einige Filme weitergeholfen, in denen er demonstrierte, wie er seine Schnappschüsse erstellte.

Gegenwart

Diese Zeilen schreibe ich aber, weil mir mittlerweile aufgefallen ist, dass die Strassenfotografie von heute sich völlig anders darstellt.

Merkmale von Cartier-Bresson waren

  • Diskretion,
  • keine entlarvenden oder verletzenden „unschönen“ Fotos und
  • künstlerischer Aufbau (Geometrie).

Wer heute durch youtube und andere Videoportale streift, der sieht, dass dort einige Filme zu diesem Thema zu finden sind.

Mir fällt dabei auf, dass dort von den Merkmalen eines Cartier-Bresson wenig bis nichts zu finden ist. Die meisten benutzen zwar noch eine Leica, aber der Rest ist eher eine Art Versuch, Fotos um jeden Preis auf der Strasse zu schiessen.

Abgesehen von den ganzen juristischen Problemen bei dem Fotografieren von Personen, ist die Diskretion dabei verschwunden. Elliott Erwitt hat mal davon gesprochen, dass die Situationen dich „beissen“ – d.h. sie kommen zu dir. Dies fehlt heute vielfach fast völlig, wenn man sich anschaut, was da als Strassenfotografie veröffentlicht wird.

Und heute?

Aber man muß natürlich im Zeitalter der Digitalkamera auch darüber sprechen, welche Kameras sinnvoll sind.

Orientiert man sich an Cartier-Bresson, dann ist es das Kleinbildformat.

Dies würde bedeuten, dass man eine EOS 5D bzw. Mark 2, eine Nikon D700 oder D3s, eine Leica M9 oder eine ähnliche Kamera nehmen würde.

In meinen Augen ist das Kleinbildformat für Strassenfotografie durch die MFT-Sensoren und die APS-C Sensoren mehr als gut abgelöst worden, weil es mittlerweile genügend hochwertige und lichtstarke Objektive gibt, die ebenso gute Ergebnisse erzielen.

Orientiert man sich an der Diskretion, dann wäre es heute eine Digitalkamera mit kaum hörbarem oder komplett abschaltbarem Auslösegeräusch.

Orientiert man sich an der Schnappschussfähigkeit, dann können es nur Digitalkameras sein, die einen echten Schnappschussmodus haben.

Aber selbst darüber kann man geteilter Meinung sein. Die Fotos von Cartier-Bresson sind ja nicht im superschnellen Schnappschussmodus gemacht worden, weil es den da noch nicht gab.

Ist ein schneller Autofokus eine gute Schnappschussfähigkeit? Mitnichten.

Ein guter Schnappschuss ist ein geometrisch gestaltetes Fotos, welches eine Situation erfasst. Damit ist der schnelle Autofokus eine vielleicht wünschbare technische Eigenschaft, aber allein keinesfalls wesentlich für den Schnappschuss.

Orientiert man sich an der Art der Darstellung des Suchers, dann wird oft diskutiert, ob der Sucher oder ein Display besser ist. Nachdem ich in der Vergangenheit eher dem Display zugeneigt war, haben mich nun einige Jahre Erfahrung wieder zum grossen optischen Sucher zurückgebracht.

Die Displays sind weder technisch in der Lage, bei allen Lichtverhältnissen optimal zu sein, noch sind sie unauffällig.

Ein guter optischer Sucher ist eine sichere und fotografisch praktische und gute Lösung. Daher sollte ein Sucher in keiner guten Digitalkamera fehlen.

Die Grössenverhältnisse einiger Kameras aus diesem Orientierungsraum sind sicherlich auch interessant: Leica M6 – 77x138x38 – 560g ohne Objektiv, Canon EOS 5D – 152x113x75 – 810g ohne Objektiv, Nikon D700 – 147x123x77 – 955 ohne Objektiv, Ricoh GX200 – 58x112x25 – 210g mit Objektiv.

Wobei mir Grösse ein unzureichendes Argument zu sein scheint. So ist z.B. die digitale Lumix DMC-L1, auch bekannt als Leica Digilux 3, eine Kamera, die etwas größer ist und ein dickeres Objektiv hat. Ja natürlich ist dies so, weil die Lumix ein erstklassiges Leica-Zoomobjektiv hat, während an der M8.2 eine Festbrennweite ist. Diese sind immer viel kleiner. Wäre an der M9 ein Zoomobjektiv wie das Tri-Elmar, wäre sie ebenfalls viel größer.

Dennoch sind natürlich die praktischsten Kameras die kleinen Digitalkameras.

Im Prinzip ist es so: kleine Kamera mit einem guten eingebauten (optischen?) Sucher und großem lichtstarkem Chip sowie lichtstarker Optik, geräuschlos und gut zu halten und relativ schnell mit Raw.

Fazit

Aber dies alles ist natürlich Geschmackssache. Fest steht auch, dass die Strassenfotografie im digitalen Zeitalter neue Möglichkeiten bietet.

Nicht alles, was früher war, ist schlecht und nicht alles, was heute ist, ist gut. Insofern sollte man durch Abwägen die Strassenfotografie von heute neu kombinieren und gestalten.

Ich plädiere aktuell für die Geometrie eines Cartier-Bresson mit der Technik einer Ricoh und dem Sucher einer Fuji und es muß kein Vollformat sein.

Hinzu kommt damit auch abschließend die Chance, Strassenfotografie weiter zu demokratisieren.

Die Zeit des Ruhmes eines Cartier-Bresson ist für Schnappschussfotografen vorbei. Damit Geld verdienen zu wollen, ist ebenso schwierig. Aber jetzt kann man für kleines Geld viele gute Fotos machen und diese fast kostenlos im Internet verbreiten.

Das Problem im Internet ist nur, dass die Masse an digitalen Inhalten gar nicht mehr überschaubar ist. Doch das ist wiederum nicht von der Strassenfotografie zu lösen. Immerhin kommt so die Strasse ins Internet und zugleich das Internet auf die Strasse….

Na ja, wie auch immer.

Dieser Artikel ist schon vor Jahren geschrieben worden. Bis auf die neuen Kameras mußte ich am Inhalt nichts ändern, weil der Mensch und seine Sehtechnik gleich geblieben sind. Das ist dann der Unterschied zwischen Magazinartikel und tagesaktuellem Zeitungsartikel und dies dann auch noch online.

Abschließen möchte ich mit einem Hinweis auf das Foto. Es zeigt einen sympathischen Herrn, der ein guter Bekannter von mir ist. Er benutzt eine schon ziemlich alte kleine Canon Digitalkamera. Wenn man genau hinschaut, dann sieht man, dass die Kamera ein Gummi hat. Da an dem eingebauten Blitz die Feststellung kaputt ist, wird dies mit einem Gummi erledigt.

Der ältere Herr fotografiert leidenschaftlich gern mit dieser Kamera (und ihrem kleinen optischen Sucher), die ansonsten fast unkaputtbar erscheint und denkt vorläufig gar nicht daran, sich eine neue Kamera zu kaufen. Und er benutzt parallel als analoge Kamera eine Leica, aber keine M sondern eine Minilux. Soweit zum Thema Straßenfotografie in der Praxis und der Relativität der eigenen Ansichten.

Ich hoffe, Sie hatten Spass beim Lesen und haben anregende Gedanken erhalten.

Unposed, ein Buch über gute Strassenfotografie von Craig Semetko

Das Buch ist fotografisch so herrlich leicht. Es ist voller Überraschungen und es ist aus dem heutigen Leben. Der Fotograf Craig Semetko hat ein Buch veröffentlicht. Dieses Buch hat den Titel „Unposed“. Dies bedeutet, auf den Fotos haben die Menschen nicht posiert sondern die Fotos sind alle aus der ungestellten Situation entstanden.

Semetko beruft sich in diesem Buch besonders auf Cartier-Bresson. Deshalb griff auch er zur Leica. Wenn ich das richtig verstanden habe, dann sind alle diese Fotos zwischen ca. 2000 und 2010 mit einer Leica gemacht worden. Und es handelt sich um Strassenfotografie bzw. dokumentierende Fotografie.

Bei einigen Bildern mußte ich herzhaft lachen. Sie sind einfach so gut, dass sie die Leichtigkeit des Seins ansprechen. Das Foto mit dem Mann, der auf der Toilette steht und sich erleichtert und dabei mehrfach von Marilyn Monroe angeschaut wird, ist so super fotografiert, dass es eine wahre Freude ist, dort hinzuschauen.

Das Buch an sich ist in einer angemessenen Größe und es hat eine Fadenheftung. Elliott Erwitt hat ein Vorwort geschrieben. Es gibt nur Fotos, die für sich selbst sprechen und erst auf den letzten Seiten kurze Erläuterungen zu den jeweiligen Fotos.

Es ist ein Buch, welches in mehrfacher Hinsicht Lust auf mehr macht. Zuallererst ist es ein Musterbeispiel dafür, dass man heute gute Strassenfotografie unter Achtung der Persönlichkeitsrechte machen kann. Fast alle Fotos zeigen Menschen, die aber nicht als individuelle Person erkennbar sind und dennoch klar zu sehen sind. Das ist die Kunst, die heute erforderlich ist in diesem Metier.

Darüber hinaus sieht man hier Fotos, die klare und klassische Strukturen im Bildaufbau haben. Und alle Fotos erzählen mindestens eine (wenn auch manchmal kleine) Geschichte. Semetko hat nur Schwarzweissfotos hier veröffentlicht. Das ist umso bedeutsamer, weil heute fast nur noch Farbe zählt. Es ist aber auch ein besonderes visuelles Erlebnis, weil es eben auch ohne Farbe geht.

Wenn man sich überlegt, dass alle Fotos zwischen 2000 und 2010 aufgenommen worden sind, dann ist es schon ein besonderes Buch in einer Zeit, die am liebsten nur von bunten Bildern lebt. Das Buch ist fotografisch betrachtet aus meiner Sicht ausgesprochen gut, wenn man ein Buch zur Strassenfotografie und zum gelungenen Schnappschuss sucht.

Fotografiertechnisch kann man die Fotos in diesem Buch zu einem erheblichen Anteil aber nur mit einer Optik machen, die gut freistellt und den Hintergrund entsprechend vom Vordergrund trennt. Dies kann die Leica M. Es scheint sich aber überwiegend um Aufnahmen zu handeln, die noch auf Film gespeichert wurden. Für solche Fotos auf Film oder heute digital braucht man aber in meinen Augen keine Leica, sondern einfach eine Kamera mit einem größerem Sensor und einer Festbrennweite, so dass auch der preisbewußte Fotograf durch dieses Buch ausserordentlich gute Anregungen erhalten kann.

Insofern ist es ein Buch, welches Menschen, die Strassenfotografie oder streetphotography lernen wollen, eine echte Vorlage sein kann, weil es sich um Fotos aus der heutigen Zeit handelt.

So, leider darf man Fotobücher ja nur besprechen und fast immer gar keine oder fast gar keine Fotos zeigen. Deshalb zeige auch ich hier keine Fotos. Die große Ausnahme scheint aber der Focus zu sein, der offenkundig das Recht hat, einige Bilder aus dem Buch zu zeigen. Daher verweise ich auf die entsprechende Internetseite und wünsche viel Spaß beim Anschauen einiger Fotos aus diesem gelungenen Buch. Hier der Link.

Unposed
Vorwort von Elliott Erwitt
Craig Semetko
96 Seiten, Hardcover
54 Duplexfotografien
Text in Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch und Italienisch
39,90 Euro
ISBN: 978-3-8327-9420-

Die verfluchten Fotoreporter oder digitale Fallen im Multimedia-Journalismus

Fotoreporter sind verflucht. Sie erleben nun zunehmend denselben Abbau ihrer Tätigkeitsbereiche durch das Aufkommen von Verlust an Print, Istockphotos und multipler Duplikation digitaler Ware wie dies im Rahmen der Globalisierung und der technologischen Entwicklung auch in anderen Berufsfeldern geschah.

Und jetzt gibt sich ein großer Teil Mühe und versucht den Umstieg in die Welt der Videos und des größeren Arbeitsfeldes des Multimedia-Journalismus. Das bietet sich ja beim parallelen Aufkommen der digitalen Spiegelreflexkameras mit Video an.

Da kommen dann die digitalen Fallen, in die sie sehr leicht tappen können. Doch der Reihe nach.

Ein Fotoreporter erzählte mir, dass er sich bei verschiedenen Tageszeitungen im englischsprachigen Raum vorgestellt hat. Alle (!) fragten ihn, ob er Fotos und Videos zusammen liefern könne, das sei die Anforderung der Zukunft – und zwar unbearbeitet. Dies führt offenkundig dazu, dass immer mehr nicht nur Foto sondern auch Video liefern. Damit sind sie zwar noch keine Multimedia-Journalisten, aber sie kommen in eine Welt voller neuer Probleme.

Über ein paar dieser digitalen Fallen will ich hier schreiben.

1. Die H.264 und MPEG Falle

Erstmals breit diskutiert wurde beim Erscheinen der neuen D7000 bei nikonrumors.com und kenrockwell.com mit anschließenden weltweiten Diskussionen folgendes: die Lizenz für die Nutzung der mit der Kamera erstellten Videos ist FOR THE PERSONAL AND NON-COMMERCIAL USE. Dies bedeutet, sie ist nur für den privaten Gebrauch. Sollten Filme oder das Rohmaterial, die damit erstellt werden, kommerziell genutzt werden, sind dafür Gebühren fällig. Dies führt dazu, dass einige sich die Handbücher anderer Fabrikate von anderen Herstellern wie Canon und Panasonic anschauten und zu denselben Schlüssen gekommen sind. Auf neunzehn72.de ist sehr schön dargestellt, wie man sich das von Seiten des MPEGLA vorstellt: wenn man als Enduser weniger als 100.000 Subscriber (ich würde mal Nutzer sagen) hat, dann zahlt man nichts, kommt man drüber, dann zwischen 25.000 und 250.000 Dollar. Parallel dazu scheint zu gelten, wenn man weniger als 12 Minuten am Stück filmt, dann zahlt man auch nichts, bei mehr als 12 Minuten gibt es zwei Abrechnungsmodi, prozentual oder per Stück (ich nehme an Aufruf). Am besten mal selbst nachlesen, mir ist das noch nicht so klar. Mitglieder dieses Konsortiums sind sehr viele bekannte Namen. Wenn man das zu Ende denkt, dann kann man auf den Gedanken kommen, dass in ein paar Jahren durch z.B. die Verlagerung aller Inhalte ins Internet auf Dienstleister, maschinelle Abrechnungssysteme kommen, die dann jeden Zugriff protokollieren und dann direkt abbuchen bei dem, der das Video ins Internet gesetzt hat. So würde man sich neue Quellen erschließen. Aber wie gesagt, das ist nur zu Ende gedacht.

Übrigens, 2011 hat nun Google beschlossen, dieses Problem ebenfalls zu lösen und wird bei Chrome den H.264 Standard nicht mehr unterstützen – warum wohl?

2. Die Urheberrechtsfalle

Gerade das Urheberrecht, welches in Deutschland wie überall auf der Welt, die Eigenheiten des nationalen Rechtssystems wiederspiegelt, ist Schutz und Sicherheit und Falle in diesem Zusammenhang zugleich. Man stelle sich vor, jemand, der bisher als Fotoreporter unterwegs war, macht nun auch Videos von den Interviewpartnern. (Interviewen muß man übrigens auch können und dies setzt völlig andere Fähigkeiten voraus als Fotografieren). Nun wird das Rohmaterial bei der Zeitung oder dem Onlinemagazin abgegeben. Dazu sagte mir ein erfahrener Filmer: „Gib nie dein Rohmaterial heraus.“ Er verwies darauf, dass man dann komplett in den Händen anderer ist. Wenn nun vom Schnitt her das Interview anders geschnitten wird als die Interviewten es wollten, dann könnte von dieser Seite Ärger kommen. Andersrum könnte im schlimmsten Fall der Auftraggeber sagen, sie haben uns zwar Material geliefert aber es fehlt genau das, was wir wollten. Daher gibt es kein Geld. Und es kann noch schlimmer kommen. Das Foto ist still, das Video hat die Dimension Audio. Audio wird vielfach unterschätzt. Man kann nicht einfach irgendwo ein Video aufnehmen und dabei spielt im Hintergrund lautstark ein moderner Musiktitel. Da steht man schnell mit einem Bein bei der Gema oder woanders auf der Liste, zumal wir ja über Videos schreiben, die kommerziell genutzt werden. Da der Fotoreporter aber der Urheber solcher Videos wäre, wäre die Redaktion frei von allen Ansprüchen – oder sehe ich das falsch?

3. Die Sozialversicherungsfalle

Bis heute ist es in Deutschland so, dass ein Reporter, egal ob Fotoreporter oder Textreporter, durch seinen Beruf die Möglichkeit hat, über die Künstlersozialkasse versichert zu sein. Dies bedeutet, diese Kasse zahlt den Arbeitgeberanteil am Sozialversicherungsbetrag. Wenn Rechnungen geschrieben werden, müssen Auftraggeber sich daran beteiligen. So ist das geregelt. Nun ändert sich ja massiv das Verhältnis von Print und Online.

Das führt dazu, dass auch neue Einnahmeformen erforderlich sind, um zu überleben. Auf medialdigital.de beantwortet der Steuerberater Rüdiger Schaar die Frage, ob man als Blogger Einnahmen aus Social Payments wie Flattr, aus Werbebannern, Google AdSense oder Affiliate-Netzwerken dem Finanzamt melden muss. Er kommt zu dem Schluß: “ Aus steuerlicher Sicht handelt es sich um eine nachhaltige Tätigkeit, die mit Gewinnerzielungsabsicht betrieben wird. Und die ist steuerpflichtig! Der Journalist hat die Einnahmen deshalb als Einnahmen aus selbständiger Tätigkeit zu versteuern. Dies bedeutet, dass ein freiberuflicher Journalist die Zahlungen als Betriebseinnahmen, zusätzlich zu seinen Texthonoraren, zu erfassen hat. Ein angestellter Journalist, der als Blogger nebenher tätig ist und Zahlungen erhält, ist gezwungen, die selbständige Tätigkeit beim Finanzamt anzuzeigen und den Gewinn zu erklären. Zu einer Versteuerung kommt es allerdings nur dann, wenn sein Gewinn über 410 Euro vorliegt. Darunter greift der sogenannte Härteausgleich, eine „Steuervergünstigung“ für Arbeitnehmer, die lediglich geringe Nebeneinkünfte erzielen.“ Ich empfehle auf medialdigital.de den gesamten Artikel zu lesen und die Kommentare. Das ist sehr informativ!

Das ist aber noch nicht alles. Wenn man bei der Künstlersozialkasse anruft und fragt, ob man dort noch versichert sein kann, wenn man auch Werbung mit Google-Anzeigen schaltet, dann habe zumindest ich im Gespräch ein klares Nein erhalten und ich scheine nicht allein zu sein. Rechtsanwalt Andri Jürgensen weist auf seinem ksk-blog.de im Mai 2010 dabei auf folgende Situation hin: „Im Falle eines Online-Journalisten, der Einkünfte über das Schalten von Werbeanzeigen erzielt, hat das Bundessozialgericht die Revision zugelassen. Sowohl das Landessozialgericht als auch das Sozialgericht in den Vorinstanzen haben dem Journalisten den Zutritt zur KSK verwehrt – weil er seine Einkünfte aus dem Vermieten von Werbeanzeigen verdiene, die neben den redaktionellen Texten geschaltet werden, nicht aus dem Verkauf seiner Texte.  Das sich die Medienwelt in den vergangenen zehn Jahren massiv gewandelt hat und es weltweit bislang kaum möglich ist, publizistische Inhalte im Internet gegen Geld zu verkaufen, hat die Richter nicht beeindruckt – genauer gesagt hatten sie sich damit gar nicht auseinandergesetzt. Sie stellten allein auf die formale Einordnung im Einkommensteuerbescheid ab. Dort aber wurden die Einnahmen aus den Werbeflächen als „Einkünfte aus Gewerbebetrieb“ eingestuft.“

Dies bedeutet im Klartext, wenn ein Fotoreporter auf seiner Internetseite bezahlte Werbung schaltet, dann kann es passieren, dass er sich mit dem Finanzamt und der Künstlersozialkasse aktiv auseinandersetzen muß.

(Nachtrag am 12.08.2011: Das ist mittlerweile vom Bundessozialgericht zugunsten des Online-Journalisten entschieden worden.)

Ich möchte mit diesen drei digitalen Fallen aufhören, die zeigen, wie genau man hingucken muß im digitalen Leben. Vor allem zeigt sich hier, dass die reale digitale Welt und die Welt der Gesetze und Verordnungen ziemlich stark auseinanderklaffen. Das deutsche Denken ist offenkundig noch völlig an dem Fotoreporter ausgerichtet, der angestellt oder frei seine Fotos verkauft und für jede Veröffentlichung Geld erhält. Die neue Welt taucht hier noch nicht als Teil des Ganzen auf. Insofern werden die nächsten Jahre spannend.

Sebastiao Salgado oder meine Entdeckung der Fotografie in einem absurden Leben

Ich habe lange überlegt, ob ich die nachfolgenden Zeilen schreiben soll. Aber die Fotografie ist für mich ein Ausdruck der Möglichkeit, der menschlichen Existenz in seiner Absurdität einen Sinn zu geben. Der Sinn entsteht durch das Abbilden von Wirklichkeit, die verändert werden könnte, um die Humanität der menschlichen Existenz zu verbessern in der eigenen Lebensspanne.

Dieser ziemlich philosophische Satz ist wichtig, weil er differenziert ausdrückt was ich meine. Ich meine, die Würde des Menschen gilt es zu verteidigen. Um dafür immer wieder neu Bewusstsein zu wecken, muss Elend und Ungerechtigkeit immer wieder neu dokumentiert werden, durch Film und Foto.

Die Fotografie bietet in meinen Augen eine andere und vielleicht auch bessere Dimension, um solche Momente festzuhalten, Momente der Menschheit, Momente der Zeit. Sie ersetzt aber nicht die Tat, die aber in einer anderen Dimension stattfindet und hier nicht weiterverfolgt wird.

Was hat aber nun Salgado damit zu tun? Nun, zunächst einmal war ich auf der Suche nach Antworten auf meine oben gestellte Lebensfrage, was der Mensch tun soll in seiner absurden Lebenszeit.

Und dann stiess ich auf diesen Namen und wusste nichts damit anzufangen.
Ja, ich bekenne mich. Ein Mann, der mit den höchsten fotografischen Auszeichnungen geehrt worden ist, war mir nicht bekannt. Aber Fotografie ermöglicht das Entdecken und das Internet ermöglicht die Entwicklung.

Ich entdeckte seine Internetseite und dort seinen „Kursus der Fotografie, ein erzieherisches Programm.“

Ich sah dort Fotos aus Bosnien und Serbien. Weiter fand ich Aufgaben, die er stellte, wie z.B. in welcher Weise Bilder erzählen und die Aufforderung von Salgado, selbst aktiv zu werden.
Übersetzt aus dem Englischen heisst es dort an einer Stelle: Entdecke die Themen der Gewalt in grossen Städten. Unterstütze Studenten ein Tagebuch zu schreiben über einen Menschen in einem Flüchtlingscamp.

Was bedeuten diese Aufforderungen von Salgado?
Um „gute“ Fotos zu machen sind solche Dinge offenbar eine Voraussetzung. Fotografie und Lebenserfahrung hängen also zusammen.

Damit hat Salgado eine ganz besondere Sichtweise entwickelt. Als „Geometrist“ im Sinne von Henri Cartier-Bresson entdeckte ich hier etwas ganz Neues.

Ich entdeckte eine neue Sicht, ich entdeckte einen Zeitgenossen, einen reiseerfahrenen Menschen, der durch seine Fotos mir einen neuen Blick auf die Welt möglich machte. Ich entdeckte aber auch, dass jeder Fotograf, jede Fotografin sein/ihr eigenes Universum ist.

Man kann zum Beispiel Cartier-Bresson und Salgado nicht vergleichen, aber man kann bei beiden sehen, wie ihre Fotos den Kern der menschlichen Existenz zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort in einer bestimmten Situation darstellen.

Sie geben uns auf ihre jeweils eigene Art die Chance, uns als Teil des Menschengeschlechts zu entdecken, individuell und kollektiv, solidarisch und egoistisch, liebenswert und gemein.

Saldagos Buch über Afrika zeigte mir, dass Dokumentarfotografie eine Dimension von Humanität durch die Darstellung der Inhumanität erhalten kann, die mir vorher nicht so bewusst war.

Danach entdeckte ich sein Buch „Workers“, ein Buch aus den 90er Jahren mit vielen Fotos über arbeitende Menschen in allen Teilen der Welt. Ich sah die Mühsal und die Dimensionen einer kulturellen Vielfalt, die durchgängig geprägt war von der Bewältigung der industriellen Zeit. Ein wahrhaft historischer Ansatz, eine besondere „Arbeiterbewegung.“

Und dann entdeckte ich noch das Photo Pocket Buch der Edition Braus über Sebastiao Saldago, das so viele kleine grosse Fotos und Gedanken zu einem kleinen Preis enthält.

Salgado hat nur Schwarzweissfotos veröffentlicht in den von mir beschriebenen Schriften. Keines dieser Fotos könnte durch Farbe eine bessere Aussagekraft bekommen. Darüber nachzudenken bringt mir neben zeitloser Aktualität auch noch eine Bestätigung, dass die Struktur einer Sache durch Farbe nicht besser wird.

Hier ist ein grosser Liebhaber der Menschen am Werk. Er hat uns gezeigt, welche Chancen in uns verborgen liegen und welche Charakterzüge die Wirklichkeit oft bitter bestimmen.

Ich möchte mich dafür bedanken, dass ich diese Bücher geniessen konnte und nun auch noch diese Zeilen schreiben kann. Es war eine Zeitspanne, die dem Leben in seiner Absurdität paradoxerweise einen tiefen Sinn verlieh.  Vielleicht weil es ehrliche Themen waren.

Ich kann nur empfehlen Sebastiao Salgado kennenzulernen durch diese Bücher oder andere, denn es sind Blicke auf uns selbst, auf unsere Existenz, unsere Paradoxie und unser Leben.

Einführung von Christian Caujolle, Edition Braus, Heidelberg 2006, ISBN 978-3-89904-238-2

Africa, Sebastiao Salgado, Texte von Mia Couto, Konzeption und Gestaltung Lelia Wanick Saldago, Köln 2007, ISBN 978-3-8228-5621-5

Workers, Sebastiao Salgado, An Archaeology of the Industrial Age, New York 1993, ISBN 978-0-89381-525-7

Hinweis: Dieser Text erschien ursprünglich auf meinem Blog gesehenes.de im Jahre 2010. Es war eine schöne Zeit.

Ein Tag Deutschland – das Buch von Freelens Fotografen

Wie soll man diesem Buch gerecht werden? Am 7. Mai 2010 “reisten 432 Fotografen durch ganz Deutschland, um festzuhalten, was vor ihrer Kamera geschah: in Schulen und Wohnzimmern, auf Fußballplätzen und Flughäfen, in Parlamenten und Diskotheken. Sie sind über die Dörfer und durch die Großstädte gefahren und haben nach Momenten Ausschau gehalten, die dieses Land repräsentieren.”

Der Tag war bewußt gewählt: “X-beliebig sollte er sein.” Darauf weist Christoph Schaden in seinem Textbeitrag im Buch hin. Soweit die Eigendarstellung. Das Buch ist ja schon mit einigen anderen Büchern verglichen worden. So mit dem Buch “Ein Tag im Leben Amerikas” und ich wäre auch geneigt es mit dem Buch “Das Magnum-Archiv” zu vergleichen.

Aber kann man das? Lutz Fischmann von Freelens schreibt zu Beginn des Buches: “Für dieses einmalige Projekt bedurfte es des besonderen, authentischen Blicks. Fotografen haben von je her Gesellschaften erforscht und dokumentiert – in ihren ganzen Breiten und Tiefen und unabhängig von Redaktionsaufträgen. Auch mit dem Projekt »Ein Tag Deutschland« haben sie dies getan – ohne auf die Verwertbarkeit in den Medien zu achten. Sie erzählen, wie es in Deutschland wirklich »aussieht«.

Die außergewöhnliche Dokumentation eines gewöhnlichen Freitags in Deutschland unterstreicht so auch die gesellschaftliche und kulturelle Relevanz hochwertiger Bilder. Initiiert hat das Projekt der Fotografenverband FREELENS, dem inzwischen über 2 000 Fotografen angehören, die für alle renommierten Magazine und Verlage arbeiten.”

Ein Tag Deutschland – Das Buch ist also ein einmaliges Projekt und zeigt einen ganz gewöhnlichen Freitag in Deutschland. Zunächst ist es ein schön gemachtes Buch. Das Format ist nicht zu groß und doch groß genug, um Fotos in ihrer Wirkung zu Wort kommen zu lassen. Es ist ein reines “Blätterbuch”. Man kann es von vorne bis hinten durchblättern oder einfach so mittendrin aufschlagen. Das Layout in diesem Buch ist sehr unterschiedlich. Fast jede Doppelseite ist anders angeordnet. Es gibt manchmal nur ein oder zwei große Fotos auf einer Doppelseite, manchmal ist es ein großes Foto, ein kleineres und ein ganz kleines Foto. Und manchmal sind eine oder mehrere Doppelseiten von einem Fotografen, umgekehrt sind auf einer Doppelseite drei Fotografinnen und Fotografen zu finden. Da dies ja mit Absicht geschehen ist wird damit jede über das Foto hinausgehende Struktur schwierig. Umgekehrt ermöglicht es den direkten Blick auf das jeweilige Foto. Da es sich naturgemäß um eine Darstellung eines Teils der Freelens-Fotografinnen und Fotografen handelt, kann man hier sehr schön die verschiedenen Arbeitsweisen sehen. Es handelt sich ja ausschließlich um dokumentierende Fotografie. Ein Tag in Deutschland soll dokumentiert werden. Daher ist es ein wunderbares Buch, um einen aktuellen Querschnitt zum Thema fotografische Ansätze im Bereich Dokumentarfotografie zu erhalten. Dazu eignet es sich sehr gut, vor allem weil deutlich wird, alles ist erlaubt und alles ist möglich, wenn die dokumentarische Aussage stimmt. Und es scheint ja eine Außendarstellung von Freelens zu sein. Es ist kein Jahrbuch, es ist ein einmaliges Tage(s)buch im besten Wortsinne. Christoph Schaden schreibt über den Sinn des Buches: ” Vor dem inneren Auge sehen wir sie schon vor uns: Soziologen und Bildwissenschaftler, die sich in ferner Zukunft einmal die Frage stellen werden, wie denn alles gewesen sei. Damals, in diesem Land, in dieser Dekade, die so schlecht in Bildern dokumentiert ist wie keine andere zuvor und danach, weil mit der digitalen Zeit hoffnungslos alles zerstört wurde. Von den Schriftquellen haben sie immerhin erfahren, dass sich zu jener Zeit der Fotojournalismus in Deutschland in einer Krise befunden haben musste. Um so verwunderter werden sie dann wohl jenen verstaubten und beleibten Band zum 7. Mai 2010 aus dem Buchregal herausholen − falls es Buchregale noch geben sollte − und sich die Augen reiben, wenn sie die Bilder darin genau anschauen.”

Nun besteht ja das Paradoxe an Fotobüchern, dass man zwar über sie schreiben kann aber die Fotos nicht zeigen darf, weil man dann ja die Bildrechte der Autoren verletzt. So ist Sprache in der Regel das Mittel der Wahl. Gottseidank hat der Dpunkt-Verlag eine Leseprobe mit ein paar Fotos zum Donwload bereitgestellt, damit es wenigstens ein paar visuelle Eindrücke gibt. Diese finden Sie hier. Ich habe dieses Buch verschiedenen Personen (Nicht-FotografInnen) gegeben und sie nach ihrer Meinung gefragt. Allesamt wurde mir bestätigt, dass es sich um ein Buch handelt, welches die Dinge so darstellt, wie sie heute sind. Also hat das Buch es geschafft, etwas zu dokumentieren, nämlich einen Tag in Deutschland.

Ein Tag Deutschland

640 Seiten, komplett in Farbe, Festeinband

ISBN 978-3-89864-707-6

42,90 Euro(D) / 44,20 Euro(A) / 60,90 sFr

dpunkt.verlag

Achim Duwentäster, Achim Friederich, Achim Kleuker, Achim Pohl, Achim Sperber, Achim von Allwörden, Alexa Seewald, Alexandra Vosding, Ali Altschaffel, Amos Schliack, Andi Schmid, Andre Poling, Andrea Vollmer, Andreas Buck, Andreas Burmann, Andreas Ehrhard, Andreas Herzau, Andreas Krufczik, Andreas Laible, Andreas Riedmiller, Andreas Spierling, Andreas Varnhorn, Andreas Weiss, Andree Kaiser, Angelika Salomon, Anika Büssemeier, Anja Cord, Anja Koehler, Anna Fiore, Anna Weise, Anne Ackermann, Anne Oschatz, Annette Wulff, Antje-Katrin Hansen, Arnold Morascher, Arnulf Hettrich, Astrid Doerenbruch, Axel Mosler, Barbara Dombrowski, Barbara Ködel, Barbara Siewer, Barbara Stenzel, Berd Roselieb, Bernadette Grimmenstein, BErnd Arnold, Bernd weisbrod, Bernhard Schurian, Bertram Solcher, Bethel Fath, Boockhoff, Boris Rostami-Rabet, Brigitte Hiss, Brigitte Kraemer, Britta Radike, Buch, Carolin Thiersch, Carsten Büll, Carsten Koall, Carsten Milbret, Christa Brand, Christa Henke, Christian Altengarten, Christian Burkert, Christian Irrgang, Christian Jungeblodt, Christian Kaiser, Christian Lünig, christian Martin, christian Schoppe, Christian Wyrwa, Christiane Eisler, Christiane Kappes, Christina Körte, Christoph Keller, Christoph Kniel, Christoph Leib, Christoph Otto, Christoph Schaden, Christoph Siegert, Claudia Fy, Claudia Görres, Cordia Schlegelmilch, Cornelia Marchis, Dagmar Gester, Daniel Bsican, Daniel Pilar, Daniela Maria Mady, David Baltzer, David Brandt, David Klammer, Deff Westerkamp, Dieter Menne, Direk Eisermann, Dirk Jeske, Dirk Krüll, Dirk von Nayhauß, Dokumentarfotografie, Dominik gigler, dpunkt, Dreysse, Dunja Gediga, Eberhard Franke, Eberhard Gronau, Eberhard Schorr, Edda Treuberg, Edgar Jablonski, Ein Tag Deutschland, Ekkehard Winkler, Erci Schambroom, Eric Lichtenscheidt, Erik Westmann, Erik Zöllner, Erika Sulzer-Kleinemeier, Esther Beutz, featured, Felix Wachtler, Florian Schwinge, Fotomonat, Frank Krems, Frank Peters, Frank Siemers, Frank Silberbach, Frank Steinbach, Frank vinken, Franz Bischof, Franz-Gerog Wand, Frauke Huber, Fred Dott, Frederika Hoffmann, Freelens, Frieder Blickle, Fulvio Zanettini, Gaby Wojciech, Gerald Hänel, Gerald Sagorski, Gerhard Westreich, Gerhrad Müller, Gesche Cordes, Gesine Pannhausen, Gisela Floto, Gottfried Stoppel, Guido Schiefer, Günter Franz, Günther Bauer, Guntram Walter, Gustavo Alabiso, Hans Jessel, Hans Treffer, Hans-Christian Plambeck, Hartmut Bühler, Hartmut Schwarzbach, Hauke Hass, Heike Baldauf, Heiko Specht, Heiner Müller-Elsner, Heinrich Sobottka, Helge Krückeberg, Henning Kramer, Herbert Hering-Heidt, Hinrich Schultze, Holger Jacoby, Holger Leue, Holger Stöhrmann, Ilja Mees, Ines Woywode, Ingo Arndt, Ingo Rappers, Ioni Laibarös, Isabel Winarsch, Isabelle Girard de Soucanton, Jan C. 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Hamann, Lajos Jardai, Lia Darjes, Linda Dreisen, Lorenz Kienzle, Lothar Schiffler, Ludolf Dahmen, Ludwig Rauch, Ludwiga von Korff, Lutz Fischmann, Lutz P. Kayser, Magnus Schöfer, MAichael Bahlo, Manfred Witt, Marc Meyerbröker, Marc Seeger, Marc-Oliver Schulz, Marc-Steffen Unger, Marco Limberg, Marco Microbi Reckmann, Marco Urban, Marcus Schmigelski, Marcus Simaitis, Margit Müller, Marily Stroux, Mark Pfeiffer, Markus Dlouhy, Markus Heimbach, Markus Lokai, Martin Jehnichen, Martin Langer, Martin Leissl, Martin Sasse, Martin Schlüter, Martin Storz, Martin Wolf, Martin Zitzlaff, Martina Nolte, Martina Stollberg, Mathias Marx, Mathis Beutel, Matthias Hubert, Matthias Jung, Matthias Sandmann, Matthias Stutte, Matthias Willems, Meike Fischer, Melanie, Melanie Bauer, Merlin Nadj-Torma, Michae Bauer, Michael Hagedorn, Michael Jungblut, Michael Kerstgens, Michael Kottmeier, Michael Löwa, Michael Mahlke, Michael Palkowski, Michael Penner, Michael Rauhe, Michael rihele, Michael ruff, Michael Zegers, Mile Cindric, Mimapix, Mimare, Nabiha Dahhan, Nanni Schiffl-Deiler, Natalie Nollert, Natasa Trifunovic, Nele Braas, Nele Gülck, Nico Kurth, Nico Schmidt, Nicolas van Ryk, Nicole Maskus-Trippel, Nicole Strasser, Niklas, Nils Bahnsen, Nils Thies, Nina Weymann-Schulz, ogando, Olaf Ballnus, Olaf Tamm, Olaf Ziegler, Oliver Tjaden, Ottmanr Heinze, Pascal Amos Rest, patrick Budenz, Patrick Pfeiffer, Paul Langrock, Peder W. Strux, Peter Schnizler, Petra Steiner, Philipp von Ditfurth, Philipp Wülfing, Pierre Adenis, Qurin Leppert, Rainer Steußloff, Rainer Weisflog, Ralf Baumgarten, Ralf Bittner, Ralf Falbe, Ralf Silberkuhl, Ralf Stockhoff, Ralph Sondermann, Reimar Ott, Rene Tillmann, Rezension, robert Conrad, Robert Metsch, Roland Fink, Roland Frommann, Rolf Nobel, Rolf Schulten, Rolf Schultes, Rolf Walter, Rolf Zöllner, Romanus Fuhrmann, Rosa Frank, Rudi Meisel, Rüdiger Dehnen, Rüdiger Fessel, Rüdiger Wölk, Rudolf Wichert, Rupert Warren, Sabine Schründer, Sandra Hoyn, Sandy Volz, Sascha Rheker, Sebastian Bloesch, Sebastian Hartz, Silke Kirchhoff, Simone Neumann, Simone Scardovelli, Solvin Zanki, Stefan Boness, Stefan Enders, Stefan Heinze, Stefan Koch, Stefan Schmidbauer, Stefan Warter, Stefanie Sudek-Mensch, Steffen Roth, Stephan Daub, Stephan Gabriel, Susanne Wolkenhauer, Svea Pietschmann, Sven Döring, Sven Nieder, Thea Martin, Thies Rätzke, Thilo Schmülgen, Thoams Hegenbart, Thoams Räse, Thomas Bartilla, Thomas Geiger, Thomas Kierok, Thomas Kummerow, Thomas Langreder, Thomas Müller, Thomas Nau, Thomas Pflaum, Thomas Rathay, Thomas Raupach, Thomas Rosenthal, Thorsten Arendt, Thorsten Eckert, Thorsten Indra, Thorsten Klapsch, Thorsten Mischke, Thu Trang Ly, Tim Gerdts, Tina Nötel, Tina Pfaffenberg, Tom Krausz, Tom-Oliver Schneider, Toma Babovic, Uli Jooß, Ulla Franke, Ulla Lohmann, Ulrich Brinkhoff, Ulrich Gehner, Ulrich Sprengel, Urs Kluyver, Uta Rauser, Ute Klaphake, Uwe Geißler, Uwe Schmid, Veit Mette, Vera Hofmann, Victor S. 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Was ist Professionalität in der Fotografie?

Ich stelle diese Frage hier und mir, weil ich in der letzten Zeit viele Diskussionen gelesen habe, die sich direkt oder indirekt damit beschäftigen.

Bemerkenswerterweise kann ich die Diskussionslinie am besten darstellen, wenn ich nicht über Profi und Amateur spreche sondern über die Frage von Fotografie als Handwerk und Fotografie als Kunst.

So beantwortet sich quasi das Thema des Artikels durch die Beschäftigung mit einem anderen Thema. Das hatte ich so auch noch nicht.

Beginnen will ich mit Joachim Schmid. Dieser Name tauchte plötzlich an diversen Orten auf, die ich gedruckt und digital besuchte.

Vor allem der Text zum Thema „Hohe“ und „Niedere“ Fotografie von 1992 gefiel mir. Schmid schreibt dort u.a.: „Doch unterscheidet sich die hohe Kunst der Fotografie von der allgegenwärtigen, in den Niederungen des Trivialen angesiedelten Normalfotografie – wenn man die Umstände von Produktion und Präsentation versuchsweise außer acht läßt und sich nur auf die Bilder konzentriert – in erster Linie durch ihre handwerkliche Präzision.“

Das ist doch mal ein Wort.

Doch Schmid bleibt hier nicht stehen, sondern untersucht dann den Zusammenhang von Fotografie und Fotokunst.

Deshalb möchte ich noch einen Satz aus diesem Text zitieren: „Mit der Perfektionierung der rein utilitaristisch begründeten fotografischen Produktion wurde die Abgrenzung der zweckfreien Fotokunst noch problematischer. Die partielle Annäherung von Reportage, Modefotografie, Werbung und Fotokunst ließ sich auch durch einen geschickten ästhetischen Überbau nicht verschleiern – zwischen den unterschiedlich begründeten Formen der anspruchsvollen Gebrauchsfotografie und den elaborierten Beispielen der konventionellen, kamerafixierten Fotokunst besteht kein fundamentaler Unterschied.“

Das ist eine Menge gedankliches Holz. Bei meinen weiteren Recherchen stieß ich dann auf einen Aufsatz von Ralf Hanselle, laut eigener Webseite freier Publizist in Berlin und Wien.

Ralf Hanselle hat einen sehr interessanten Artikel mit dem Titel „Das Ende der Beliebigkeit“ im Jahrbuch von 2010 des BFF veröffentlicht. Dort finde ich Joachim Schmid und seinen Text wieder. Hanselle zitiert aber einen anderen Satz als ich, nämlich: “Während die künstlerische Fotografie bei ihren Höhenflügen um eine Minimierung ihres Gebrauchswerts bemüht ist und dieses Ziel doch nie erreicht, steht dieser beim alltäglichen Normalfoto im Vordergrund”.

Hanselle formuliert insgesamt einen Text, der das Aushalten von Differenzen erleichtern soll, wenn ich dies richtig verstanden habe.

Und dann erzählt er die Geschichte von Walter E. Lautenbacher. „Als einer der führenden deutschen Modefotografen wollte er raus aus diesem “Handwerksding”. 1967 strebte er beim Finanzgericht Stuttgart einen folgenreichen Rechtsstreit an. Kommerzielle Fotografen sollten vor dem Fiskus das Recht erhalten, im Zweifel auch als Künstler anerkannt zu werden. Die Sache zog sich lange hin. In zweiter Instanz schließlich sollte Lautenbacher Recht bekommen. Wenn der Arbeit eines Fotografen nachweislich ein künstlerisches Element inhärent sei, so das damalige Urteil des Bundesfinanzhofs, dann könnten Fotografen fortan auch als Freiberufler tätig sein. Neben Handwerkern und Lichtkünstlern gab es jetzt also noch etwas Drittes. Etwas, was bis dato keinen Namen hatte. Fortan wurde es zu einem deutschen Spezifikum: Fotodesign – eine Disziplin, die weder Fleisch noch Fisch war.“

Ich empfehle den ganzen Artikel, weil dort die Frage von Fotografie und Kunst – Fotokunst – interessant dargestellt wird. Damit komme ich zurück zur Professionalität, die laut Schmid handwerklich ist, zugleich aber auch künstlerisch sein kann.

Ich weiß nicht, ob der Joachim Schmid, den ich hier zitiert habe, auch der Joachim Schmid ist, über den auf der Webseite kotzendes-einhorn.de berichtet wird. Dort finden wir folgenden Hinweis: „Joachim Schmid sammelt Bilder. Bilder von anderen, Bilder die er findet. Im Netz, auf der Straße und sonstwo. Bereits seit 1982 sammelt er Fotografien, die er auf der Straße findet. Fast 900 Aufnahmen hat er so zusammengetragen und in diversen Galerien ausgestellt. Doch erst das Internet ermöglichte ihm sein Konzept auszuweiten und weitere Sammlungen anzulegen.  Nun veröffentlicht er “Other People’s Phorographs” also in Buchform. Die Bücher konzentrieren sich hierbei auf Alltagsthemen die von Amateurfotografen visualisiert werden. Auf Fotoseiten wie Flickr sammelt er sein Material und kompiliert dann die Bilder nach fotografischen Begebenheiten oder Ideen. Dabei entsteht eine Dokumentation des Alltäglichen und der Beiläufigkeit, die durch das Zusammentragen mehrerer Bilder wieder zu etwas besonderem wird.  Gleichzeitig wird bewiesen, dass (auch) außerhalb des Kunstkontextes keine fotografische Idee neu ist. Vieles wurde bereits gemacht, vieles geknipst.“

Aber auch hier zeigt sich die Schwierigkeit der Unterscheidung zwischen Fotografie und Fotokunst über die auch Hanselle geschrieben hat. Fotos mit einem hohen Gebrauchswert werden weiterverarbeitet zu einem Kunstwerk.

Zumindest sehe ich dies so.

Doch das Thema ist unendlich.

Daher will ich die gedankliche Kette noch erweitern. Auf der Seite fotofeinkost.de von Dr. Martina Mettner findet sich ein Artikel zum Thema „Von der Brücke fotografiert oder: Wie ähnlich dürfen Fotos sein?“ In diesem Artikel findet sie eine klare Unterscheidung und die lautet so: „Auf der einen Seite, im Kulturbetrieb, fehlen die Beurteilungskriterien für gelungene Fotografien, so dass alles ausgestellt und bevorwortet wird, was irgendwie ganz nett aussieht und nicht weiter stört. Auf der anderen Seite, jener der Fotografen, mangelt es bisweilen an Professionalität. Die wird ja landläufig gerne mit der Virtuosität im Bedienen von Geräten gleichgesetzt, meint aber viel mehr, nämlich einen Berufsethos, wie er für alle freien Berufe notwendig und wichtig ist. Das Berufsethos des Arztes besagt, dass er sich für die Gesundheit des Menschen einsetzt. Macht er aus Gewinnstreben Medikamententests an Patienten, verletzt er dieses Ethos. Profi-Fotografen oder Künstler heben sich ja nicht allein deswegen von Möchtegernfotografen ab, weil sie mehr können oder eine bessere Ausrüstung haben, sondern weil sie sich professionell verhalten, das heißt, eine ordentliche Bezahlung verlangen, dafür aber auch im Sinne des Kunden oder der Kunst das Bestmögliche abliefern. Und natürlich gehört dazu auch, dass man eine individuelle Leistung und Lösung präsentiert und sich nicht, wie im Supermarkt, einfach überall bedient.“

Auch hier eine klare Feststellung, dass es keine klare Abgrenzung gibt zwischen Fotografie und Fotokunst sowie eine eindeutige Abgrenzung zwischen Profi und Amateur.

Aber auch damit will ich noch nicht enden.

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere an meine Buchrezension von  „Biete Visionen“ von David duChemin. dort schrieb ich: „Seine Vision brachte ihn über das Theologiestudium und das Arbeiten als Komödiant letztlich zum Fotografieren. Und Profi ist man, wenn man davon leben kann.“ Soweit in Kurzform die Meinung von David duChemin wie ich ihn verstanden habe.

Wenn man nun diese hier dargestellten Auffassungen betrachtet, dann haben sich doch schon einige Kriterien als Antwort herausgebildet:

1. handwerkliche Präzision,

2. ordentliche Bezahlung,

3. eigenständiges Erarbeiten von Lösungen und

4. daß man davon leben kann.

Dies allein ist im Zeitalter digitaler Dammbrüche sicherlich genug Stoff für eine Woche Diskussion unter Interessierten.

Nur zur Einstimmung: Reicht es, in Zukunft noch als Fotograf aufzutreten oder muß man eigentlich nicht als Multimedia-Journalist tätig sein?

Eine andere Frage lautet, wenn man nicht davon allein leben kann, ist man dann kein Profi?

Man kann neben ganz vielen anderen Fragen auch noch darauf kommen zu fragen, was bedeutet eigentlich handwerkliche Präzision?

Damit will ich diesen Artikel beenden. Die offenen Fragen werden sicherlich eine Fortsetzung finden unter den digitalen Bedingungen nach den Feiern zum 10jährigen Jubiläum des 21. Jahrhunderts.

Dieser Artikel wurde 2010 publiziert.