Ist neu besser?

Es ist eine alte Weisheit, dass die Menschen in den letzten zehntausend Jahren ihren Charakter nicht geändert haben sondern nur ihre Zivilisation. Auf gut deutsch will ich jetzt dieses große Denken ummünzen in ganz kleines Denken. Ich will mir an einem Beispiel anschauen, wie sich in den letzten sechs bis sieben Jahren die Technik verändert hat und ob dies alles besser ist. Dazu habe ich mir die Canon Powershot Pro 1, die Powershot S5 IS, die Powershot SX 1 IS und die Powershot SX 30 IS rausgesucht. Wir fangen dazu ganz einfach an.

Powershot Pro 1

Powershot Pro 1

In diesem Artikel sind vier Fotos mit den Kameras aufgenommen worden. Das letzte Foto stammt von der Powershot SX 30 IS.

Außer leichten Veränderungen beim Weißabgleich sehen alle vier Fotos ziemlich identisch aus. Wie die technischen Spezifikationen aussehen, findet man u.a. hier.

Meine Frage dazu lautet, was wäre eigentlich, wenn Canon bei der Powershot Pro 1 stehen geblieben wäre?

Powershot S 5 IS

Powershot S 5 IS

Ich war von der Powershot Pro 1 seit meinem Kauf hellauf begeistert. Weitwinkel ab 28mm, Anfangsblende 2,4 und eine gute Bildqualität. Ich will hier keine technische Schlacht anfangen sondern mit mir und eventuell anderen über die Veränderungen seitdem sprechen. Waren es Verbesserungen? Der alte Schopenhauer hat geschrieben „Das Neue ist der Feind des Guten“. Welchen Sinn hatten die neuen Kameras?

Powershot SX 1 IS

Powershot SX 1 IS

An dieser Stelle möchte ich noch einen Hinweis formulieren. Es geht mir nicht um Canon, ich hätte auch Nikon Kameras oder andere nehmen können. Aber diese Kameras habe und benutze ich. Daher lag es nahe, darüber zu schreiben. Und letztlich spielte auch die zur Zeit mit der weltweit längsten Telebrennweite ausgestattete Bridgekamera Powershot SX30 IS eine Rolle. Ich stellte mir im Angesicht dieser technischen Daten die Frage, wo soll das denn enden und ist dies sinnvoll?

Kann es sein, dass es allein um die Frage geht, wer hat den längsten Zoom?

Hat das alles etwas mit sozialem Vergleich zu tun? Wie hat uns Eckart von Hirschhausen einmal erklärt? Wie viel man verdienen will hängt davon ab, wie viel die anderen um mich herum verdienen.

Ist es mit Kameras auch so, will ich mehr Zoom und mehr Auflösung haben, damit ich mehr als die anderen um mich herum habe?

Was ist technisch besser geworden? Richtig, die Auflösung von Monitor und elektronischem Sucher sind besser geworden und es gibt mehr Pixel auf kleineren Sensoren. Aber kann ich nun auch besser fotografieren?

Powershot SX 30 IS

Powershot SX 30 I

Wenn ich noch einen Schritt weiter zurückgehe, dann waren die meisten doch sogar mit den analogen Kameras zufrieden, außer mit den Kosten für die Filmentwicklung und die Ausdrucke. Wie viel Kamera braucht der Mensch für gute Fotos?

Vielleicht können wir uns dem Thema nähern, wenn wir einen Gedanken von Joachim Schmid aus „Hohe“ und „Niedere“ Fotografie aufgreifen: „Der real existierende Bilderberg hält (fast) alles bereit, was zur fotografischen Artikulation von Aussagen jeder Art benötigt wird. Daß täglich trotzdem unzählige Bilder produziert, nach einmaligem Gebrauch abgelegt und nur selten noch einmal benutzt werden, folgt aus der Eigendynamik des industriellen Systems.“ Das war 1995, hat aber nach dem Siegeszug der digitalen Fotografie nichts von seiner Aussagekraft verloren.

Doch um nicht in den Schatten der Fortschrittsfeinde zu kommen, möchte ich hinzufügen, ja es gibt Verbesserungen. Wer wollte bestreiten, dass ein sofortiger Blick auf das erstellte Foto mit Hilfe eines Displays ein Fortschritt ist. Hier ist neu besser. Und es gibt natürlich noch viele andere Beispiele.

Aber genau heute sind  wir soweit, dass wir nicht nur über das Neue sondern auch über die Grenzen des Neuen sprechen können. Der Rückschritt bei der Anzahl der Megapixel auf einem kleinen Chip zeigt eine Grenze. Die Rückkehr der großen Sucher, optisch und neuerdings auch elektronisch, zeigt eine andere Grenze. Es gibt zwei Grenzen, die eingehalten werden müssen. Erstens die Struktur des Menschen und zweitens die Machbarkeit von Bildqualität. Bestimmt wird dieser Artikel in 100 Jahren anders geschrieben. Aber ein Rückblick heute zeigt, dass neu nur bedingt besser ist. Und gerade bei Digitalkameras gab es viele sehr hoffnungsfrohe Ansätze, die leider nicht weiterverfolgt wurden. Ich nenne nur die Einhandkamera für Links- und Rechtshänder und die Kombination von Festbrenntweite und Wechseloptik in einer Kamera (z.B. Kodak V570).

Ich möchte an dieser Stelle die Webseite henner.info erwähnen. Henner Helmers betreibt seit Jahren systematisch eine Untersuchung von neuen Kameras gegen alte Modelle. Sein Vergleichsstück ist die Finepix F31 als kleine und praktische Reisekamera. Diese Kamera vergleicht er immer wieder mit neuen Modellen, um festzustellen, ob die neuen Kameras besser sind. Eigentlich hat er sich erst kürzlich entschieden, endgültig die F31 in den Ruhestand zu schicken und als neue Referenzkamera eine Casio FH100 zu nehmen, weil diese erstmals nach vielen Jahren „besser“ ist. Insofern empfehle ich diese Webseite, weil sie den Unterschied zwischen Mode und technischer Verbesserung sehr detailliert und nachvollziehbar darstellt.

Wenn man diesen Artikel, der eigentlich gar nicht enden kann, doch zu einem Ende bringen will, dann wäre mein Fazit, neu ist immer neuer aber nicht immer besser. Daher haben ältere Kameras bis heute ihre Berechtigung und sind manchmal sogar die besseren Kombinationen. Und optimal ist dann die Verbindung von neu und alt. Ich fand sie in der Nikon D80 mit dem Tamron 17-50/2,8 mit eingebautem Motor und Bildstabilisierung. So konnte ich an einer Kamera, die im ISO Bereich bis 800 erstklassige Fotos macht, auf einmal auch bei schlechterem Licht fotografieren, weil das neue Objektiv die Schwäche der etwas älteren Kamera im High-ISO ausgleicht. So, hier höre ich einfach auf.

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